Im Stadtteil vereint

Seit mehr als einem Jahr lastet die Pandemie auch auf Hamburg. Hunderttausende mรผhen sich Tag fรผr Tag, mit der schwierigen Situation klarzukommen. Business as usual ist unmรถglich. Wirklich? Nicht ganz: Stadt und Investor:innen folgen im Schatten der Pandemie ihrem รผberholten Modell von Stadtentwicklung, in dem Projekte still und heimlich durchgedrรผckt und Renditen gesteigert werden. Wir sagen: Es reicht! Die Zeit ist gekommen, dieses Modell hinter sich zu lassen.

Initiativen Sternbrรผcke “knallt am dollsten” Schiller-Oper St. Pauli Code JETZT! VIVA LA BERNIE

Fรผnf Initiativen stellen anhand aktueller Konfliktfelder Leitlinien fรผr eine solidarische Stadtentwicklung vor.

1. Jede Planung mit den Bewohner:innen beginnen

Ob es das โ€žPaulihausโ€œ-Projekt am Neuen Pferdemarkt ist, die Sanierung der Sternbrรผcke oder die Neubebauung des Holstenareals: Die Bewohner:innen wurden, wieder einmal, รผbergangen. Stattdessen knallt man ihnen oft รผberdimensionierte Bauentwรผrfe vor die FรผรŸe, die angeblich alternativlos sind. Die passen aber nicht zu den Bedรผrfnissen der Menschen in den Quartieren, sondern hรถchstens zu Vorstellungen von Stadt und Investoren:innen, die aus der Zeit gefallen sind. Wir wiederholen es gerne: Die Bewohner:innen sind die Expert:innen vor Ort. Wer hier eingreift und fรผr die Zukunft etwas รคndern mรถchte, holt ihren Rat, ihre Erfahrungen und ihre Expertise ein, bevor ein:e Investor:in eingeschaltet wird. So geht wahrhaft demokratische Stadtentwicklung. Die PlanBude hat bewiesen, dass dies mรถglich ist.

2. Erpressungen durch Investor:innen zurรผckweisen.

Das Baukonsortium des โ€žPaulihausesโ€œ holte sich eine Werbeagentur ins Boot, die der Stadt drohte, aus der Schanze nach Berlin zu ziehen. Zack, galt das ganze Bauprojekt als Wirtschaftsfรถrderungsfall, dem die Stadt Millionen hinterherwirft, obwohl es sich um ein stรคdtisches Grundstรผck handelt. Carlsberg, Eigentรผmerin der Holstenbrauerei, drohte, Hamburg zu verlassen, wenn sie das Brauereigelรคnde in Altona-Nord nicht gewinnbringend verkaufen kรถnnte. Zack, nahm die Stadt ihr Vorkaufsrecht nicht wahr und das Gelรคnde wurde zum Wanderpokal der Immobilienspekulation. Dabei wurden die Eigentumsanteile รผber Share Deals von einem Unternehmen zum nรคchsten weitergereicht, so dass die Stadt nicht einmal Grunderwerbsteuer einnahm. Schluss damit: Die Stadt verscherbelt ihre eigenen Grundstรผcke nicht mehr und nimmt konsequent ihr Vorkaufsrecht wahr. Notfalls nutzt sie Instrumente wie Art. 15 GG oder das Baugesetzbuch, um Grund und Boden zu vergesellschaften, wenn anders eine sozialvertrรคgliche Stadtentwicklung nicht zu gewรคhrleisten ist. Damit gewinnt sie wichtige Handlungsfreiheit in der Stadtplanung und legt รถffentliche Gelder sinnvoll an. Denn die Stadt gehรถrt allen, die in ihr leben.

3. Die Abrissbirne im Schuppen lassen, Denkmรคler erhalten

Ein Gebรคude, ach was, ein ganzes Quartier stรถrt? Weg damit. Das hat in der Abrissstadt Hamburg eine lange Tradition. Gegen die ist auch kein Denkmal gefeit. Zuletzt wurde der City-Hof, ein Denkmal aus der Nachkriegsmoderne, das das Bezirksamt Mitte beherbergte, runtergerissen. Jetzt droht der 130 Jahre alten Schiller-Oper der Abriss. Sie ist ein auรŸergewรถhnliches Gebรคude: der letzte groรŸe Zirkusbau in Deutschland mit einer besonderen Stahlkonstruktion, die sie mit dem Eiffelturm gemeinsam hat. Nicht nur fรผr St. Pauli wรคre ihr Abriss ein dramatischer Verlust. Und warum droht der Abriss? Weil die Eigentรผmerin bislang von der Denkmalbehรถrde mit Samthandschuhen angefasst wurde. Sie lieรŸ Fristen zur Denkmalsicherung entgegen eindeutigen Senatsbeschlรผssen ungestraft verstreichen, in der Hoffnung, dass die historische Rotunde der Schiller-Oper irgendwann nicht mehr zu retten ist und durch einen Neubau ersetzt werden kann. Die Neubauplรคne werden wie so oft geheim gehalten. Auch das muss ein Ende haben. Neben der Achtung von Denkmรคlern gibt es รผbrigens einen weiteren Grund gegen die Abrisswut: Gebรคude abzutragen und anschlieรŸend neu zu bauen, produziert Schutt, Abfรคlle und Emissionen. Das ist keine gute Klimapolitik.

4. Keine neuen Bรผrogebรคude mehr genehmigen

Das โ€žPaulihausโ€œ-Konsortium will am Neuen Pferdemarkt einen sechsgeschossigen Bรผroklotz bauen, 25 Meter hoch und 115 Meter lang. Echt jetzt? Gibt es einen Bรผromangel in der Hansestadt? Unsinn: Knapp 500.000 Quadratmeter Bรผroflรคche stehen auch jetzt leer. Zwar heiรŸt es, ein solcher Bรผroleerstand sei โ€žnormalโ€œ. Doch viele Firmen fangen an, das pandemiebedingte Home Office zum neuen Modell zu machen. Erste Firmen kรผndigen bereits Bรผroflรคchen. Schon bald werden die leerstehenden Bรผroquadratmeter nach oben schnellen. Mit denen kann man etwas Besseres machen: zum einen als Wohnraum umnutzen, zum anderen in geteilte Bรผroflรคchen fรผr all die umwandeln, die fรผrs Home Office keinen Platz in der Wohnung haben. Konsequent รผbers Stadtgebiet verteilt, kรถnnen die Wege zur Arbeit viel kรผrzer werden, was wiederum den Verkehr reduziert โ€“ und bei der dringend nรถtigen Mobilitรคtswende hilft.

5. Bezahlbare Wohnungen fรผr alle statt Luxusapartments bauen

Auch hier ist der Immobilienpoker ums Holstenareal erhellend: Lokale Wohnungsunternehmen boten 50 Millionen, Carlsberg verkaufte hingegen fรผr 153 Millionen, und beim letzten Eigentรผmerwechsel flossen bereits 320 Millionen. Bedeutet: Soll das Geld wieder reinkommen, kosten die auf dem Areal errichteten Wohnungen locker 20 Euro pro Quadratmeter kalt. Wer soll das bezahlen? Die Hรคlfte der Hamburger Haushalte ist so knapp bei Kasse, dass sie Anspruch auf eine Sozialwohnung hรคtten. Das sind die Menschen, fรผr die jetzt gebaut werden muss. Modelle, wie gรผnstige Wohnungen entstehen kรถnnen, gibt es lรคngst. Die Stadt muss sie sich nur noch zu eigen machen und konsequent anwenden. Dann muss die Miete fรผr Hunderttausende nicht mehr eine existenzielle Belastung sein.

6. Der Autostadt Hamburg Tschรผss sagen

Die Sternbrรผcke, eine Eisenbahnbrรผcke in Altona-Nord, ist betagt. Betagt heiรŸt aber nicht: Alteisen. Stadt und Bahn wollen sie jedoch abreiรŸen und durch eine Monsterbrรผcke ersetzen. Fรผr diesen Unsinn ist Hamburg bereit, 60 Mio. Euro zusรคtzlich einzusetzen. Wรผrde die Brรผcke nicht verbreitert, dann mรผsste die Bahn die Kosten alleine tragen. Hamburg kรถnnte 60 Mio. Euro sicher sinnvoller einsetzen. Tatsรคchlich soll die StresemannstraรŸe als die Ost-West-Achse der alten Autostadt Hamburg unter der neuen Brรผcke noch breiter werden. Das ist nun wirklich aus der Zeit gefallen. Abriss und Neubau der Brรผcke sind auch nicht alternativlos: Die Sternbrรผcke lieรŸe sich sanieren, wenn der Wille da wรคre. Denn natรผrlich soll der Bahnverkehr weiter flieรŸen, denn der ist ein wichtiger Bestandteil einer klimafreundlichen Mobilitรคt. Nebenbei bemerkt, einer neuen Sternbrรผcke wรผrden auch eine ganze Reihe von Wohnhรคusern weichen.

7. Quartiere mit Vielfalt und guter Nachbarschaft erhalten

Vor vier Jahren wurde VIVA LA BERNIE, der Hinterhof in der BernstorffstraรŸe 117, Zuhause und Arbeitsplatz von รผber 100 Menschen, von zwei Berliner Investoren gekauft. Die seit รผber 30 Jahren bestehende Gemeinschaft aus Handwerker:innen, Kรผnstler:innen und Bewohner:innen war zuerst schockiert, mobilisierte sehr schnell ร–ffentlichkeit und dann Kapital und bot den Investoren an, den Hof fรผr sieben Millionen Euro zurรผckzukaufen. Die Investoren lehnten ab, sind jedoch in Verhandlungen gegangen. Die Stadt ist einem solchen mitleidlosen Immobilienpoker aber nicht hilflos ausgeliefert. Zusรคtzlich zum Vorkaufsrecht kann sie Bebauungsplรคne so passgenau erstellen, dass bestehende Quartiere in ihrer Vielfalt und Eigenart geschรผtzt werden. Die Stadt sollte den Investor:innen nicht den roten Teppich ausrollen und jeden Bauantrag, jede Bauvoranfrage und jeden Antrag zur Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen rechtzeitig รถffentlich machen. Auch die intransparente Hinterzimmer-Baupolitik muss endlich ein Ende haben. Durch die Ausrichtung auf eine wahrhaft gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung werden Nachbarschaften und der soziale Zusammenhalt gefรถrdert โ€“ was auch die Stadt nach eigenem Bekunden schรคtzt. Also los! รœberlass die Quartiere nicht dem Immobilienmarkt, Hamburg, sondern erhalte und fรถrdere sie.


Fรผr uns, die Unterzeichnenden, sind diese Punkte fast schon Binsenweisheiten. Auch kluge Wissenschaftler:innen und Stadtentwickler:innen predigen sie seit Jahren. Und sie betreffen nicht nur Altona oder St. Pauli. Das sind nur zwei Stadtteile, in denen sich die Probleme derzeit ballen. Nein, sie gelten genauso fรผr Eidelstedt oder Rothenburgsort, fรผr Langenhorn, die Veddel, Harburg oder fรผr Wilhelmsburg.

Weitere Infos gibt es hier sogehtstadt.hamburg

Infos der anderen Initiativen: knallt am dollsten, St. Pauli Code JETZT!, Initiative Sternbrรผcke, Schiller-Oper

Hamburg, 10. Juni 2021